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Theseus im Labyrinth

Notizen und Gedanken von Lydia Maidl aus dem Bildgespräch am 1.12.2018

„Homerisches“

Dieses Bild Erich Schicklings ist ein wundersames Bild, schwer fassbar. Es gehört zu einer früheren Schaffensphase, entstanden schon in den 70er Jahren, vielleicht rund um 1975.

Es ist ein Bild, das erstaunlicherweise unter drei verschiedenen Titeln angekündigt war: Homerisch; Der Faden der Ariadne; Theseus im Labyrinth

In besonderer Weise lädt uns also dieses Bild ein, aus unterschiedlichen Perspektiven zu schauen, das je Eigene darin zu entdecken.

In der Mitte des Bildes findet sich ein schauendes Gesicht: staunend, weit geöffnete Augen, mit erhitzten rosigen Wangen; ein kindlich anmutendes Gesicht, und doch durch den Bart als männlich markiert.

Der Schauende, um den herum sich Episoden ranken, die miteinander verbunden sind durch Blüten tragende Äste eines Baumes, verbunden und zugleich getrennt auch durch die weiß-grauen Balken: Mauern des Labyrinths.

Es kann Homer sein, der so schaut, es kann der Künstler selbst sein, es kann Theseus sein. Es ist eine persönliche Sicht und Deutung Schicklings, Theseus als den Schauenden darzustellen.

Um den Schauenden finden sich fünf Kernepisoden aus dem Mythos: Ariadne im Haus; Dionysos im Schiff; Europa und der Stier, Minotaurus im Labyrinth, flehende Jünglinge und Jungfrauen Athens.

Als Hintergrund einige Grundlinien des Mythos aus der Sicht Ariadnes: Ariadne war eine Tochter des Königs Minos von Kreta (einem Sohn von Zeus und Europa) und eine Halbschwester des Minotaurus. Minotaurus war ein Mischwesen mit Stierkopf und Menschenleib, hervorgegangen aus vielerlei Verstrickungen von Betrug, Rache und Täuschung in den Beziehungen der Götter und Menschen. Als Theseus, Sohn des Königs von Athen, nach Kreta kommt, um dem grausamen Geschehen, dass alle neun Jahre sieben athenische Jungfrauen und Jünglinge dem Minotaurus geopfert werden, ein Ende zu bereiten, verliebt sich Ariadne in ihn und will ihm helfen. Sie wendet sich an Dädalus, den Baumeister des Labyrinths, in dessen Mitte Minotaurus gefangen gesetzt ist, um Rat. So übergibt sie Theseus ein Wollknäuel, das er am Eingang befestigt. Er rollt den Faden ab auf seinem Weg ins Zentrum, wo er mit dem Schwert den Minotaurus tötet. Am Faden entlang findet er dann aus der Dunkelheit wieder ins Licht. Ariadne verlässt mit Theseus Kreta auf dem Schiff, sie machen Halt auf der Insel Naxos. Dort wird sie - nach einer Version des Mythos - schlafend von Theseus auf Befehl des Gottes Dionysos zurückgelassen, da Dionysos selbst sich mit ihr vermählen will und sie von dort in den Bereich des Göttlichen holt.

Auf Schicklings Bild wird der Schauende von Ariadne liebevoll am Ohr wachgekitzelt. Der Blick des Schauenden richtet sich nicht unmittelbar auf die dargestellten Kernepisoden, sondern reicht weiter: wie wenn er hindurch schaut – in einen weiten Horizont hin. … wie wenn er das feurig Rote des Vordergrundes, Symbol für Liebe und Schmerz, verbindet mit dem Blau des Hintergrundes, das wie durch Ritzen hindurch scheint: Symbol des Himmlischen, des Fließenden der Zeit, auf welche Weise das Himmlische irdisch präsent ist. Der Schauende ist gleichzeitig ein Gefäß: ein minoisches Mischgefäß, ein sogenannter Krater – damit verankert in Kreta, wo der Mythos spielt. Was mischt sich hier? Rosa und Weiß: Wasser und Wein – das Lebensnotwendige und die Lebensfülle – das menschlich Begrenzte und die göttliche Fülle. Das Gesicht ist wie ein Bild für den Menschen, der ins Leben blickt mit einem existenziellen Staunen und auch Erschrecken.

Aus diesem Gefäß des Schauenden erwachsen Blumen. Es sind die gleichen Blüten wie am Baum, der zentral in der Bildachse steht. Er hat einen doppelten Ast: ein Ast reicht nach links in den Bereich, wo Dionysos, der Gott der Liebe und der Lebensfülle, mit seinem Boot heranfährt; der zweite Ast führt nach rechts hin zu dem, dem sich Theseus stellen muss und will: dem Minotaurus. Die Darstellung solcher Mischwesen reicht menschheitsgeschichtlich weit zurück (bis ca. 40 000 vor Christus). Angezeigt wird eine doppelte Grenzstellung des Menschen: er reicht hinein ins Animalische, kann auch verkommen „zum Tier“, und er reicht hinein ins Göttliche. Letzteres wird hier mit dem Stierkopf (nicht dem Stierleib) akzentuiert; in der minoischen Kultur auf Kreta stand der Stier für das Göttliche.

Schickling stellt den Minotaurus – wie die Menschen unter ihm – in flehender Haltung dar: ausgerichtet auf das Licht, das von oben einfällt.

Und die Aussage des Künstlers zu diesem minotaurischen Bildgeschehen: „Wir stehen alle auf dem roten Urgrund, auf der Kraft Gottes. Der Minotauros wirkt in uns als innerstes Geheimnis: … und wenn uns etwas ungeheuer ist, vor dem wir uns fürchten, dann vielleicht dies: zu ahnen, wie tief wir als Mensch wirklich gemeint sind. Das könnte zum Fürchten sein!“

Als Menschen finden wir uns im Leben wie in einem Labyrinth: Es braucht die Wege; die Umwege, notwendende Wege. Die (Um-)Kehren des Lebens, in denen sich etwas klärt, etwas hell wird. Kultivierung geschieht. Im Geschehen-lassen kommt von oben Dynamik ins Bild: Licht fällt ein, goldene Farbe.

Der Künstler verstärkt dies mit dem grünen Auge, das aus dem Minotaurus leuchtet. Es zeigt das Sehen unserer Sehnsucht. Im Innersten stehen wir schon im Grünenden, im pfingstlichen Grün. Jeder Atemzug als der „Faden“ unseres Lebens führt uns auf unserem Weg.

„… dass statt Worte Blumen erblühen“ Dies ist ein Hölderlin-Vers, den der Maler mit diesem Bild verbunden hat.

Ur-Themen und Träume unseres Menschseins sind verborgen präsent in diesem mythischen Bild, einem archetypischen Bild, das jeder in sich trägt und das uns verbindet.

#"Leben im Bild" Unter diesem Motto finden monatlich Bildgespräche und Hinführungen mit Prof. Dr. Lydia Maidl in der Erich-Schickling-Stiftung statt. Herzliche Einladung! Nächster Termin: Freitag, 25. Januar 17 Uhr Unkostenbeitrag 5 €